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Zitat des Tages
Epiktet
Nicht die Dinge selbst, sondern nur unsere Vorstellungen darüber machen uns glücklich oder unglücklich.


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Mensch, werde wesentlich



Heimkehr zur Null
Warum Meditation und das Spiel des Narren uns gut tun

Die Entdeckung der Beobachtung meines Atems, vor 33 Jahren auf einer Weltreise, die mich auch nach Thailand geführt hatte, war für mich ein Durchbruch: In einem Vipassana-Kloster nahe der kambodschanischen Grenze erfuhr ich während eines Zwei-Wochen-Retreats, was auf den Körper und den Atem gerichtete Achtsamkeit bewirken können.

Seitdem spielt Meditation in meinem Leben eine große Rolle, und es ist kaum ein Tag vergangen, an dem ich nicht implizit, meistens auch explizit, meditiert habe. Zur Zeit meditiere ich jeden Morgen mit den anderen fünf Bewohnern meiner kleinen Gemeinschaft. Erst machen wir zwölf Minuten lang Körperübungen, dann summen wir drei Minuten gemeinsam, dann sitzen wir 15 Minuten lang still. Dadurch hat unser Gemeinschaftsleben ein Zentrum. Es gibt keine uns spaltenden Streits mehr, und jeder von uns hat für sich einen Anker in der Stille.

Der Reset

Anker in der Stille? Wie das? Ich spüre die Wirkung bei mir und bei den anderen, das könnte eigentlich schon genug sein. Aber ich meine auch, den Grund zu kennen, warum das so ist: Wir Menschen brauchen ab und zu einen Reset, einen Neustart. So wie ein Computer, bei dem der Cursor auf dem Bildschirm sich plötzlich nicht mehr bewegt. Wie sehr man die Maus auch traktiert, es geht einfach nichts mehr. Das Betriebssystem ist abgestürzt, man braucht einen Neustart. Besser noch, man wartet als Mensch einen Absturz des eigenen seelischen Systems gar nicht erst ab, sondern macht täglich einen solchen Neustart – zum Beispiel bei einer Morgenmeditation.

Wir sind ja ständig in Gedanken oder sonstwie zerstreut. Gedanken, Gefühle, Empfindungen und Impulse (äußere wie innere) bewegen uns, fast nie sind wir innerlich still. Der Lärm der von außen oder innen kommenden Impulse ist groß, bei unserem heutigen städtischen oder internet-verbundenen Leben mehr denn je. Wer dabei nicht depressiv werden oder ausbrennen will, muss ab und zu das eigene System auf Null runterfahren. Abschalten ist ein beliebtes Wort dafür, aber das ist mir ein bisschen zu nahe am Abschotten. Meditation ist kein Abschotten, sondern eher ein erdendes Runterfahren auf Null. Im Idealfall ist ein Leben auch außerhalb solch einer täglichen Heimkehr zur Null ein engagiertes, verpflichtetes, verbindliches Leben im Bewusstsein der Beheimatung in der Null – der Freiheit.

Die Null


Die Null ist überhaupt etwas … zunächst sehr Rätselhaftes. Bei näherer Bekanntschaft aber erweist sich sich sowohl als nützlich wie auch als liebenswert. In Arabien und Indien wurde sie viel früher benutzt als in Europa, dort war sie der christlichen Kirche höchst suspekt. Ein Zeichen für das Nichts? Das konnte nur ein Landeplatz für den Teufel sein.

Die buddhistischen Kulturen Asiens taten sich leichter, die Null zu akzeptieren; für sie war die Essenz der zeitlosen Weisheit spätestens seit dem zweiten Jahrhundert nuZ mit Nagarjunas Begriff der Sunyata (übersetzt: die Leere) das Nichts. Was die Mathematiker dann mit »der Zahl« Null einführten – gezeichnet als ein Kreis (oder ein Elypse) um eine leere Mitte. Wo auf dem Abacus der alten Chinesen noch nur eine leere Stelle war, also nur die Abwesenheit von etwas, war für die indisch-islamische Welt des Mittelalters dann etwas, womit man rechnen konnte und womit sich ganz neue Welten erschlossen, zum Beispiel die der negativen Zahlen.

Europa begann erst seit dem 17. Jahrhundert allgemein mit der Null zu rechnen. Das ist kaum drei, vier Jahrhunderte her. Erstaunlich, denn wenn wir heute etwa bei der Temperatur von Minusgraden sprechen oder einen Kilometerzähler auf Null zurückstellen, hat für uns das nichts mit dem Teufel zu tun oder dem gottlosen Buddhismus, sondern es erscheint als ganz normal.

Der Narr

Im Bereich der Spielkarten, die aus dem spätmittelalterlichen Tarot stammen und vermutlich orientalischen Ursprungs sind, ist die Null aber noch immer etwas Besonderes. Sie stellt dort den Narren oder Joker dar, die Figur, der keine bestimmte Rolle zugewiesen ist (wie Bube, Dame, König, As oder die Karten mit Zahlen). Er ist frei, jede der anderen Figuren einzunehmen, deshalb ist er im Spiel die höchste Karte. Im normalen sozialen Leben aber war der Narr ganz unten: Jahrhundertelang wurden die Schauspieler und Gaukler verachtet. Von den Zuschauern der Spiele geliebt, aber von der seriösen Gesellschaft verachtet. Sie galten nicht als ehrenhafte Menschen, denn man war sich ihrer nicht sicher, konnten sie doch jederzeit die Rolle wechseln. Als mit Roland Reagan 1981 ein Schauspieler das mächtigste politische Amt der Welt einnahm, war damit die lange Zeit der Verachtung der menschlichen Fähigkeit zum Rollenwechsel zu einem Ende gelangt. »Charakterlos« zu sein, ein »Chamäleon« ist zwar immer noch ein Schimpfwort, aber die Fähigkeit, sich selbst zu verändern, auch den eigenen Charakter, die eigene Rolle im sozialen Leben, wird heutzutage überwiegend hoch gepriesen.
Stirb und werde!

Goethe hat das in seinem Gedicht »Selige Sehnsucht« (im West-östlichen Diwan) so formuliert:

    Und so lang du das nicht hast,
    Dieses: Stirb und Werde!
    Bist du nur ein trüber Gast
    Auf der dunklen Erde.


Das Sterbenkönnen und dabei ein anderer werden, das Wachsen und Reifen ist für uns Menschen wesentlich, sonst sind wir nur trübe Gäste auf dieser Erde, Sturköpfe, die sich der Entwicklung versagen. Diese allerdings verlangt Mut:

    Das Lebend’ge will ich preisen,
    Das nach Flammentod sich sehnet.


lautet eine andere Zeile dieses Gedichts, in dem Goethe den Schmetterling preist, der sich in die Kerzenflamme stürzt. Das Werden setzt eine Sehnsucht nach Erneuerung voraus, die dann eben auch ein Tod des Alten ist, ein Verbrennen im Feuer der Transformation.

Die Verankerung in der Null, die Meditation uns bietet, ist das einzige, was uns diesen Flammentod bei Sinnen überstehen lässt. Wir wollen ja nicht den Körper opfern. Der Drang nach Veränderung soll nicht im Selbstmord enden oder in einem Unfalltod, den eine starke Sehnsucht nach Veränderung durchaus provozieren kann, sondern in der seelischen Transformation, die in einem heilen Körper stattfindet. Das ist nur möglich in einem Körper, der mit der Null, dem Nichts, der Stille, dem Niemandsein vertraut ist. Genau das ist das Ziel der Meditation: die tägliche Übung des Eintauchens in die Stille – die Freiheit von Identität, Verpflichtung, Anhaftung, von allem Verbindlichen.

Humor

Mir hat Meditation geholfen, Scheitern aller Art zu ertragen: Trennungen von geliebten Menschen, von Besitz, Geld, Erfolg. Auch Strecken von Krankheit und Schmerz. Das Älterwerden. Die Ablehnung meiner Werte und dessen, wofür ich stehe, durch andere Menschen. Ich weiß nur noch eines, das – neben der Liebe (die ja schon alle Welt preist) – im Wert für mich der Bedeutung von Meditation nahe kommt: Humor. Die Fähigkeit über mich selbst zu lachen. Humor empfinde ich als ein Lösungsmittel. Schon ein paar Tropfen, geträufelt auf den Klebstoff, der mich an meiner jeweils aktuellen Identität haften lässt, können Wunder wirken: Plötzlich löst sich etwas, und ich bin wieder frei! Frei mich neu identifizieren, neu engagieren zu können. Frei für den Zauber eines neuen Anfangs.




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Radio-Interview mit Wolf Schneider:
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Wolf Schneider

Wolf Schneider, Jahrgang 1952, studierte Naturwissenschaften und Philosophie in München. Schon während seines Studiums begab er sich auf Reisen. Die nächsten Jahre verbrachte er in Europa und Südasien, wo er ab 1976 als buddhistischer Mönch in Thailand lebte und von 1977-1990 Schüler von Osho war. Zurück in München gründete er 1985 die Zeitschrift connection, die noch heute als connection Spirit mit der Sonderheftreihe connection Special erscheint. Seinen 2005 gegründeten Verlag mit integrierter "Schule der Kommunikation" wandelte er Anfang 2008 erfolgreich in eine AG um. Im Connectionhaus veranstaltet er Jahrestrainings unter dem Motto: "Kreativität, Kommunikation und Inszenierung". Mit seiner offenen, ehrlichen und humorvollen Art zu kommunizieren, schenkte er uns ein wunderbares Theaterstück (Zauberkraft der Sprache) und zahlreiche Bücher, die uns Leser in eine spannende Welt der Spiritualität entführen. Sein neuestes Buch: "Das kleine Lexikon esoterischer Irrtümer" erscheint im August 2008 im Gütersloher Verlagshaus.



Zusätzliche Informationen:
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