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Zitat des Tages
Friedrich Bodenstedt
Geh mit dir selbst streng ins Gericht, und will's dir nicht gelingen, von innen die Ruh, das Glück dir zu erringen: Von außen kommt das Glück dir nicht!


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Mensch, werde wesentlich



Die Eso-Szene
Blick zurück ohne Bitterkeit

»Der typische Esoteriker ist nett, mitfühlend, optimistisch, aufgeschlossen, aber leider auch sehr leichtgläubig. Herzlichkeit und Hingabe werden in diese Szene hoch gehandelt, Intellekt und Unterscheidungsvermögen hingegen diskreditiert. So haben die Verkäufer des Halbwahren ein leichtes Spiel.« So steht es auf der Rückseite meines Buchs »Kleines Lexikon esoterischer Irrtümer«, das nächste Woche erscheint. In diesem Falle ist nicht nur der Inhalt des Buchs von mir, sondern auch der Rückseitentext (Nicht immer stammen solche Aufmachertexte von den Autoren; manchmal sind sie ihnen sogar peinlich; hier aber passt er).
Außerdem behaupte ich in der Pressemeldung zum Erscheinen dieses Buchs (Titel: »Esoteriker irren – ein Insider rechnet ab«) seit 32 Jahren dieser Szene anzugehören. Auch das stimmt immerhin irgendwie. Manche sehen oder sahen in mir sogar einen Insider par excellence. Obwohl ich mir seit je über diese Szene immer mal wieder die Haare raufe und sie manchmal nur noch schreiend verlassen wollte.

Die Essenz vom Beiwerk trennen
Der Verleger/Redakteurs-Kollege einer anderen Szene-Zeitschrift schrieb mir vorgestern als Antwort auf die Pressemeldung: »Ich lese dein Magazin gerne, weil ich es als sehr authentisch empfinde und empfehle deine Zeitschrift gerne weiter. Insofern freue ich mich über ein Rezensions-Exemplar von dir, vor allem, weil mir ja selbst vieles in dieser Szene einfach zu viel wird. Und da wir beide ja schon seit Jahrzehnten auf diesem Gebiet herumtollen, wäre es an der Zeit, die bescheidene Essenz vom üppigen Beiwerk zu trennen. Ich meine, das kann keiner besser als du.«
Kann ich das? Als Verleger des »dienstältesten« Magazins dieser Art (zumindest in Deutschland) stünde mir das zu, schrieb mir ein Leser kürzlich. Keiner kann alles wissen, es gibt auch eine Art kollektive Intelligenz (die manchmal allerdings auch Schreckliches produziert).
Was mich betrifft, hat sich an diesem Schreibtisch in den vergangenen 23 Jahren einiges verdichtet: Erkenntnis und Überdruss zum Beispiel, und das fast parallel. Ich bin der Szene in vieler Hinsicht überdrüssig, aber ich weiß auch, dass man wohl von jeder Szene irgendwann genug hat und dann deren Marotten nur noch mit einem müden Schulterzucken beantwortet, nicht mehr mit der Begeisterung des frisch Konvertierten. Das würde mir als Mountain-Biker, Surfer oder Mittelalterfan wohl ebenso ergehen.
Und wenn dann der unvermeidliche Überdruss da ist, wenn dann keine Bitterkeit eintritt über die zerstäubten Träume, die Enttäuschungen, den Verrat an was auch immer für einem Ideal, dann kann Gelassenheit eintreten. Ein Lächeln, das nicht mehr naiv ist, aber auch nicht spöttisch.

Ich bin drin, ich bin draußen
Die Pressemeldung hat schon jetzt, vier Tage nach Veröffentlichung eine enorme Resonanz erzeugt: Mehr als hundert deutschsprachige Redaktionen haben das Buch bestellt, es gibt mehrere Interviewanfragen und Veröffentlichungszusagen schon jetzt, ehe das Buch erschienen ist und bereits eine veröffentlichte Rezension (von der katholischen Nachrichtenagentur KNA in Hamburg) allein aufgrund des Vorworts und einiger Beispieltexte (zu sehen auf www.wolf-schneider.info), und auch die großen TV-Redaktionen wollen was bringen: ZDF, ARD, RTL, Pro 7, Sat 1. Vielen von ihnen scheint es zu passen, dass ich mich da als Aussteiger präsentiere, derart: Nach 32 Jahren in dieser Szene reicht's mir einfach, jetzt hab ich genug. Aussteigerberichte für gefährlich gehaltener Bewegungen hat der Mainstream immer willkommen geheißen und dabei gerne vergessen, wie gefährlich der »Hauptstrom« selbst ist. Da meinen die Journalisten dann, der Ausgestiegene sei der Gehirnwäsche entronnen, die die Insider kennzeichne, und habe Sensationelles zu berichten.
In diesem Falle ist der Aussteiger aber einer, der nicht nur aus seiner Szene aussteigt, sondern – so gut man aus solchen Beheimatungen überhaupt aussteigen kann – aus allen. Ich kehre hier nicht heim ins Reich des Mainstreams, sondern steige aus Jargons und Szenen aller Art aus, so gut das eben geht. Das sollte ein Journalist sowieso: Immer dabei sein, niemals angehören. Ein schöner Anspruch. Kurt Tucholsky, in vielem mein großes Vorbild, hat das immerhin teilweise getan, aber nur teilweise. An anderer Stelle sagte er, man müsse auch Partei ergreifen und sich die dabei die Finger schmutzig (oder sagte er »blutig«?) machen. So befleckt urteilt man dann. Und versucht doch zugleich Abstand zu gewinnen, um nicht unterzugehen. Immer mit einem Bein draußen stehen, aus jeder Identität, darum geht es mir.

Chronist sein, unbeugsam der Wahrheit verpflichtet
Rückblickend möchte ich sagen, dass ich gut dreißig Jahre lang weitgehend der spirituell-alternativen Szene angehörte, darunter ungefähr neun Jahre lang stark in der Sannyas-Szene beheimatet und verankert. Außerdem, seit ich denken kann, immer mit dem Buddhismus sympathisierend, aber nur kurze Zeit ihm (genauer: dem thailändischen Theravada) ganz angehörend, als Mönch für ein paar Monate im Sommer 1976. Heute gehöre ich keiner Religion an und keiner offiziell nennbaren Konfession, auch sonst keiner religiösen, spirituellen oder gar esoterischen Gruppe, auch keiner politischen. Dennoch ergreife ich Partei, immer wieder. Ich möchte nie den Mut verlieren, zu sagen was ich sehe, auch nicht bei Entwicklungen, die einen »sprachlos machen« (so wie Tucholsky in seinen letzen Jahren, als er im schwedischen Exil resigniert verstummte). Bei aller Liebe zum Schweigen möchte ich nie verstummen, wenn es etwas Wichtiges zu sagen gibt.
Vorige Woche machte »the economist« zu Solschenizyns Tod den Titel auf, nannte ihn den unbestechlichen Chronisten des Gulag, den unbeugsam wahrhaftigen Berichterstatter dieser so brutalen und grausamen eigenen Welt innerhalb des Stalinismus. Die so sehr dazu gehörte, so normal war damals und aus Angst vor Verfolgung so wenig kritisiert wurde. Und wo sind die Helden dieser Art im heutigen Russland, fragt der Economist, und überhaupt in der heutigen Zeit?
Die Eso-Szene ist kein Gulag, ganz im Gegenteil, sie ist nett und liebevoll, aber auch sie braucht unbestechliche Chronisten. Sie ist tausendfach als Brutstätte von Sekten und Sektiererei gebrandmarkt worden, meist von Leuten, die auf dem einen Auge blind waren, dem Auge ihrer eigenen Zugehörigkeit zu einer religiösen oder politischen Richtung oder, schlimmer noch, dem allgemeinen, parteilosen Zynismus. Es gibt Sekten in den religiösen Szenen ebenso wie in den politischen, und einige davon sind gefährlich. Was von dieser Art in der Eso-Szene sich tummelt ist jedoch weitgehend harmlos, und die paar gefährlichen sind sowieso schon ausreichend (und manchmal zu sehr) der Strafverfolgung ausgesetzt. Dass sich immer mal wieder um einen verrückten Lokalguru eine Szene wirrer Fans bildet, bleibt davon unbenommen. Das Religiöse wirkt eben tief in die Psyche hinein (oder, anders gesagt: über sie hinaus) und erzeugt dort Helden und Heldentaten aber auch Verwirrung, Verrückung, Verzweiflung.
Übrigens sind die meisten Esoteriker religiöser als die typischen Mitglieder der Hochreligionen, auch wenn jene sich einbilden, dass es umgekehrt sei. Der Grund dafür ist wohl, dass es mehr Mut und Engagement braucht, um Esoteriker zu sein, weil man dann ein Abweichler ist. Das ändert ich allerdings gerade, weil die Pop-Esterik, wie sie etwa in den Prophezeiungen von Celestine erscheint, dabei ist, mainstream zu werden.

Die Liebe walten lassen
Die Eso-Szene ist voller es gut meinender Menschen, vielleicht darin ähnlich manchen evangelikalen Szenen. Die Esos aber sind körperfreundlicher und von den Lichtarbeitern und Channelingfans abgesehen meist auch diesseitiger. Oft gestalten sie sich wunderschöne Ambiente, und sie wollen die Liebe überall walten und gelten lassen. Sie sind in ihrem Umgang miteinander oft so süß, manchmal zu süß, so dass es schmeckt wie zu sehr gesüßter Tee, wie Schwaden von Räucherstäbchen oder Jasminduft in einer heiligen Atmosphäre, in der man kaum wagt, ein lautes oder grobes Wort zu sagen. Aber sie sind nicht betreten, sondern eher überschwänglich – sie jubeln, und Jubel kann man laut Rilke ja nicht widerrufen:

Siehe, ich wusste es sind
solche, die nie den gemeinsamen Gang
lernten zwischen den Menschen;
sondern der Aufgang in plötzlich
entatmete Himmel
war ihr Erstes. Der Flug
durch der Liebe Jahrtausende
ihr Nächstes, Unendliches.

Eh sie noch lächelten
weinten sie schon vor Freude;
eh sie noch weinten
war die Freude schon ewig.

Frage mich nicht
wie lange sie fühlten; wie lange
sah man sie noch? Denn unsichtbare sind
unsägliche Himmel
über der inneren Landschaft.

Eines ist Schicksal. Da werden die Menschen
sichtbarer. Stehn wie Türme. Verfalln.
Aber die Liebenden gehn
über der eignen Zerstörung
ewig hervor; denn aus dem Ewigen
ist kein Ausweg. Wer widerruft
Jubel?

Hervorgehen als Erneuerte
So schön wie Rilke kann das kaum ein Esoteriker sagen, aber sie fühlen es und versuchen es: den Aufgang in unsägliche Himmel über der inneren Landschaft, den Flug durch der Liebe Jahrtausende, und sie versuchen aus der eigenen Zerstörung ewig hervorzugehen. Mögen sie auch aus dem, was an meiner Kritik zerstörerisch ist, wieder hervorgehen als Erneuerte.
Diese Szene hat auch Humor, mehr als die meisten anderen religiösen Szenen. Sie ist neugierig, kreativ und innovativ, und sie kultiviert neben der viel geschmähten Beliebigkeit auch die Leichtigkeit. Eine solche Kultur der Leichtigkeit ist gerade auf dem religiösen Terrain wichtig, denn Religiosität neigt zu Pathos, und sich steigerndes Pathos wird dann gerne zu Fanatismus, und zwar nicht so, wie die »Fans« einer Musikband oder eines Sportvereins, sondern rechthaberischer, dogmatischer.
Bisher hat meine harte Kritik an der Eso-Szene immerhin noch zu keiner Flucht unter meinen Anzeigenkunden oder Abonnenten geführt. Die Abonnentenzahlt steigt sogar leicht an, und die Bleibedauer liegt zur Zeit bei über acht Jahren. Das ist nicht Beliebigkeit, sondern Treue! Es gibt eben welche, die es wirklich wissen wollen, und die bereit sind, eine so schonungslose Offenlegung zu ertragen, wie meine Aufzählung der »esoterischen Irrtümer« sie bietet. Das rechne ich ihnen hoch an.




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Wolf Schneider

Wolf Schneider, Jahrgang 1952, studierte Naturwissenschaften und Philosophie in München. Schon während seines Studiums begab er sich auf Reisen. Die nächsten Jahre verbrachte er in Europa und Südasien, wo er ab 1976 als buddhistischer Mönch in Thailand lebte und von 1977-1990 Schüler von Osho war. Zurück in München gründete er 1985 die Zeitschrift connection, die noch heute als connection Spirit mit der Sonderheftreihe connection Special erscheint. Seinen 2005 gegründeten Verlag mit integrierter "Schule der Kommunikation" wandelte er Anfang 2008 erfolgreich in eine AG um. Im Connectionhaus veranstaltet er Jahrestrainings unter dem Motto: "Kreativität, Kommunikation und Inszenierung". Mit seiner offenen, ehrlichen und humorvollen Art zu kommunizieren, schenkte er uns ein wunderbares Theaterstück (Zauberkraft der Sprache) und zahlreiche Bücher, die uns Leser in eine spannende Welt der Spiritualität entführen. Sein neuestes Buch: "Das kleine Lexikon esoterischer Irrtümer" erscheint im August 2008 im Gütersloher Verlagshaus.



Zusätzliche Informationen:
» www.wolf-schneider.info

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