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Zitat des Tages
Goethe
Was immer Du tun kannst oder erträumst zu können, beginne es. Kühnheit besitzt Genie, Macht und magische Kraft. Beginne es jetzt.


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Mensch, werde wesentlich



Größenwahn

Sind wir unendlich? Oder eher, wenn wir das denken, größenwahnsinnig?

Eines der beliebtesten Zitate in der Esoterik-Szene ist das folgende von Marianne Williamson, das oft fälschlicherweise Nelson Mandela zugeschrieben wird, weil er es in seiner Antrittsrede als Präsident von Südafrika zitiert hat: »Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir unzulänglich sind. Unsere tiefste Angst ist, dass wir grenzenlos machtvoll sind. Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, das uns erschreckt. Wir fragen uns, wer bin ich denn, um brilliant, wunderschön, talentiert und fantastisch zu sein? Eigentlich, wer bist du um dies nicht zu sein? Du bist ein Kind Gottes! Dein dich selbst Kleinmachen dient der Welt nicht!«

Sich nicht mehr klein machen
Nein, dein dich selbst Kleinmachen dient der Welt nicht. Aber auch dein Größenwahn dient der Welt nicht. Nur: Was unterscheidet das eine vom anderen? Wo hört das sich nicht mehr Kleinmachen auf und fängt der Größenwahn an? Wenn es wahr ist, dass »wir grenzenlos machtvoll sind«, dann sind wir Gott, Herrscher des Unversums. Genau das wird in den Religionen jedoch als »Blasphemie« bezeichnet, als die Anmaßung Gott zu sein, als maximaler Größenwahn. Der wurde in den Monotheismen oft genug (von Menschen, nicht von Gott) mit dem Tod bestraft.
Wenn nun ein aufgeklärtes Bewusstsein nicht mehr an einen persönlichen Gott, an Göttlichkeit in Form einer menschenähnlichen Person glaubt, gibt es dann überhaupt noch die Sünde der Blasphemie? Oder überhaupt die des Größenwahns? Wenn sogar der großartige und so großartige bescheidene Nelson Mandela in seiner Antrittsrede uns zugesteht, dass »wir grenzenlos machtvoll sind«?

»Grenzenlos machtvoll«?
Ich meine, dass solche Sprüche wie die von unserer grenzenlosen Macht zu Größenwahn einladen. Sie wollen eine Ermutigung sein, oft sind sie das auch. Auch mich hat dieser Text von Marianne Williamson schon erschaudern lassen vor meiner unerkannten, uneingestandenen (vermeintlichen) inneren Größe, zu der ich doch nun endlich den Mut finden möge. Solche Sätze sind pathetisch, so wie Beethovens Neunte, sie können einen beflügeln, aber sind sie auch wahr? Genau genommen nicht. Dann »grenzenlos machtvoll« sind wir gewiss nicht. Da brauche ich wohl keine Beispiele anzuführen: Jeder Mensch weiß aus dem eigenen Leben unzählige Fälle von unerfüllten oder noch nicht oder zu spät oder unvollständig erfüllten Wünschen, Absichten, Zielen. Nein, »grenzenlos machtvoll« sind wir gewiss nicht.

Innen- und Außenwelt
Ich würde sogar sagen, dass hier die Blasphemie beginnt, der Tatbestand des maximalen Größenwahns. Auch für Menschen, die an keinen Gott glauben, gibt es diesen Wahn: »Ich bin das Universums, ich bin alles, ich kann alles. Es entsteht und vergeht kein Leben im Universum, ohne dass ich es will.« Das gilt nämlich nur für das subjektive Universum: Nichts entsteht oder vergeht in deiner Wahrnehmung, ohne dass du es auch wahrnehmen willst – das ist dann schon fast tautologisch. Jedenfalls, wenn man voraussetzt, dass etwas, dass du nicht wahrnehmen willst, aus deinem Bewusstsein auch erfolgreich verdrängt werden kann und das, was du wahrnehmen willst, dort auch erfolgreich visualisiert werden kann. Womit wir wieder bei der Tatsache wären, dass Innen- und Außenwelt eben doch nicht dasselbe sind.
Übrigens erliegen auch die Fans der Wunschverwirklichungsmethoden, die seit ein paar Jahren für den entsprechenden Boom auf dem Bücher- und Seminarmarkt sorgen, solchen unrealistischen Größenfantasien, bzw. der Vermanschung von Innen- und Außenwelt. In früheren Zeiten hätte man die Propheten des »Die Welt ist das, was du aus ihr machst« oder »Alles, was du dir wünschst, wird in Erfüllung gehen« vor die Heilige Inquisition zitiert. Gut, dass das nicht mehr so ist. Dennoch: Selbst dort, an der Wurzel dieser mörderischen Institution, die sich da »Heilige Inquisition« nannte, war immerhin ein Funken an Intelligenz, vermute ich. Nämlich dies: ein Gespür für die menschliche Hybris, den Größenwahn, der eben nicht dasselbe ist wie die Erkenntnis der eigenen, unendlichen Größe und Einheit mit dem gesamten Universum.

»Dein Wille geschehe«
Was hat das mit der Tatsache oder Wahrheit zu tun, die so viele spirituelle Lehren predigen? Dass wir unendlich, zeitlos und todlos sind?
»Ich« bin unendlich? Ja, wenn ich dieses Ich ausdehnen kann. Wenn ich die Grenzen meiner Identifikation erweitern kann bis an den Rand des Universums. Wenn ich alles, dessen ich gewahr werde, einbeziehen kann als Inhalt nicht nur meines Gewahrseins, sondern auch meiner Aneignung, meiner Identifikation – ja, dann »bin« ich das alles. Bin unendlich, todlos, zeitlos. Aber auch: machtlos in demselben Maße wie allmächtig. Denn dann gibt es keine Trennung mehr zwischen dem wollenden Ich und dem wahrnehmenden und sich wahrnehmend identifizierenden Ich. Allem, was geschieht, bin ich dann ohnmächtig ausgeliefert, denn es gibt dann ja kein Ich mehr, dass etwas anderes wollen könnte, als das, was ist. Und ebenso bin ich dann allmächtig, weil es in mir keinen Willen mehr gibt, der von dem, was geschieht, getrennt wäre.
Das ist die mystische Einheit. Keine Trennung mehr. »Dein Wille geschehe« ist dann identisch mit »mein Wille geschehe«.

»Ich bin die Wahrheit«
Die mystische Einheit und der Größenwahn liegen also ziemlich nah beieinander. Wie können wir das eine vom anderen unterscheiden? Ich versuche es mal so: Wenn »Ich bin ohnmächtig« und »Ich bin allmächtig« in gleichem Maße als zutreffend für die Erfahrung empfunden werden, dann ist es eine mystische. Wenn nur »allmächtig« als zutreffend empfunden wird, dann ist es Größenwahn.
War Al Hallaj also größenwahnsinnig, als er »en el haqq« sagte, »Ich bin die Wahrheit / Ich bin Gott« (Wofür er 922 in Bagdad hingerichtet wurde)? Rumi schrieb darüber drei Jahrhunderte später, Al Hallaj habe sich durch diese Aussage völlig in Gott ausgeleert. Nur noch Gott habe für ihn existiert, kein Ich mehr – ein Maximum an Demut und Bescheidenheit.
Al Hallaj soll bei seiner grausamen Hinrichtung ganz ruhig gewesen sein. Einige Berichte sagen, er habe getanzt in seinen Ketten.
Heute würde man einen Menschen, der sagt »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben« für größenwahnsinnig halten.




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Wolf Schneider

Wolf Schneider, Jahrgang 1952, studierte Naturwissenschaften und Philosophie in München. Schon während seines Studiums begab er sich auf Reisen. Die nächsten Jahre verbrachte er in Europa und Südasien, wo er ab 1976 als buddhistischer Mönch in Thailand lebte und von 1977-1990 Schüler von Osho war. Zurück in München gründete er 1985 die Zeitschrift connection, die noch heute als connection Spirit mit der Sonderheftreihe connection Special erscheint. Seinen 2005 gegründeten Verlag mit integrierter "Schule der Kommunikation" wandelte er Anfang 2008 erfolgreich in eine AG um. Im Connectionhaus veranstaltet er Jahrestrainings unter dem Motto: "Kreativität, Kommunikation und Inszenierung". Mit seiner offenen, ehrlichen und humorvollen Art zu kommunizieren, schenkte er uns ein wunderbares Theaterstück (Zauberkraft der Sprache) und zahlreiche Bücher, die uns Leser in eine spannende Welt der Spiritualität entführen. Sein neuestes Buch: "Das kleine Lexikon esoterischer Irrtümer" erscheint im August 2008 im Gütersloher Verlagshaus.



Zusätzliche Informationen:
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