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Zitat des Tages
Thomas von Kempen
Es ist leichter, ganz zu schweigen, als sich im Reden mäßigen.


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Mensch, werde wesentlich



Vom Kannibalismus zum Vegetarismus
Kulturelle Errungenschaften brauchen manchmal Zeit, sich durchzusetzen
Vereinfacht gesagt ist der Mensch eine Art Darm, der über den Mund Dinge in sich aufnimmt und einen Teil davon über den Anus wieder ausscheidet. Wir sind Verdauungstrakte, die imstande sind, sich fortzupflanzen. Zwischen Mund und Anus wird die Nahrung verwandelt, und die ihr entzogene Energie erlaubt uns Bewegung und all das andere.
Habe ich das zu sehr vereinfacht? Mag sein. Die Reduktion aufs Wesentliche hat jedoch durchaus etwas für sich, denn unser Leben ist sehr kompliziert geworden – zu kompliziert. Tagein, tagaus haben wir Entscheidungen zu treffen, deren Folgen wir nicht überblicken können und für die wir nie gut genug informiert sind. Dann kommt der Tod oder sonst eine Katastrophe, und mit ihm der Schock, die meiste Zeit mit Kiki-Kram verplempert zu haben. Nun aber ist es zu spät. Deshalb: Reduziere beizeiten!
Was wir aufnehmen
Was wir durch den Mund in uns aufnehmen, ist wesentlich. Ebenso was wir hören, sehen und lesen. Wenn du nicht schicksalsergeben hinnehmen willst, was das Leben dir so zuspielt, musst du hier beginnen: Achte auf das, was du durch den Mund in dich aufnimmst! Ebenso wem du zuhörst, was du liest, was du siehst, welche Menschen du triffst und was du von alledem in dir behältst, denn auch der Geist muss verdauen und das Unbrauchbare wieder ausscheiden. Es gibt auch geistige Völlerei, Durchfall, Verstopfung und vor allem mangelnde Auswahl bei der Aufnahme. Geistiges FastFood (im Sinne von Junkfood) ist ebenso ungesund wie Körperliches. ComfortFood stopft, ohne nachhaltig zu trösten, und an der Makrobiotik ist immerhin das richtig: ausdauernd kauen!
Die Verwandten essen?
Kannibalismus erscheint uns heute als barbarischer Exzess einiger unserer Vorfahren. Wenn wir die Tiere als unsere Verwandten anerkennen, ist der Schritt vom Verzicht auf das Essen von Menschen zum Verzicht auf des Essen von Tieren jedoch kein großer mehr.
Jahrtausende lang war die Sklaverei unter den Hochkulturen der Menschheit ganz normal. Im perikleischen Athen, der gefeierten Wiege unserer europäischen Kultur, gab es sogar weitaus mehr Sklaven als Bürger; Platon hatte fünf Sklaven für seinen Haushalt, und auch Aristoteles verteidigte diese Praxis. Erst vor weniger als 200 Jahren begann die Kritik an der Sklaverei heftiger zu werden. Dann dauerte es keine 100 Jahre, und sie war fast überall in der Welt geächtet. Vielleicht wird auch das Essen von Tieren bald in ähnlicher Weise als Barbarei geächtet sein – es wäre ein Fortschritt in der Zivilsierung der Menschheit und ein wichtiger Schritt auf dem Weg, eine Weltbevölkerung von bald neun Milliarden Menschen ernähren zu können. Es wäre auch ein riesiger Gewinn für die Schonung der natürlichen Ressourcen unseres Planeten. Noch immer werden Tag für Tag weit mehr als 100 Quadratkilometer an tropischem Regenwald gerodet, ein fast irreversibler Prozess der Vernichtung – er geschieht für die Fleischindustrie.
Religionen als Folklore
Kulturelle Errungenschaften brauchen eben manchmal Zeit, um sich durchzusetzen. Dazu gehört wohl auch die Überwindung des Fundamentalismus in den religiösen und politischen Kulturen der Welt. Ist es wirklich so schwer zu verstehen, dass eine von Menschen überlieferte Schrift nicht »die« Heilige Schrift sein kann? Anscheinend ja. Bis dann eines Tages, vielleicht in ein oder zwei Generationen, die Religionen nur noch als von der UNESCO zu schützendes Kulturgut gelten und nicht mehr als Autoritäten bei der Wahrheitsfindung.
Auch in den Gesellschaften, die sich für aufgeklärt halten, hat die Aufklärung um die Festungen der Religionen bisher einen großen Bogen gemacht. War es die Angst, dass mit dem Glauben auch die Ethik verloren ginge, was uns dabei einschüchterte? Ungläubige Menschen sind in ihrem Verhalten jedoch nicht weniger altruistisch als Gläubige. Wenn die unzähligen in der Welt praktizierten Varianten von Meditation, Gebet und Religiosität endlich ihre alten, fundamentalistischen Klamotten ablegen würden, wäre das ein weiterer großer Schritt in Richtung Zivilisation.
»Was halten Sie von der (westlichen) Zivilisation?«, soll Mahatma Gandhi einmal gefragt worden sein. Seine ernüchternde Antwort: »Das wäre eine gute Idee!«
Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien, dann D-land, Italien, USA, Holland. 1979-81 intensive therap. Ausbildung. 1985 Gründung der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.schreibkunst.com
 




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Wolf Schneider

Wolf Schneider, Jahrgang 1952, studierte Naturwissenschaften und Philosophie in München. Schon während seines Studiums begab er sich auf Reisen. Die nächsten Jahre verbrachte er in Europa und Südasien, wo er ab 1976 als buddhistischer Mönch in Thailand lebte und von 1977-1990 Schüler von Osho war. Zurück in München gründete er 1985 die Zeitschrift connection, die noch heute als connection Spirit mit der Sonderheftreihe connection Special erscheint. Seinen 2005 gegründeten Verlag mit integrierter "Schule der Kommunikation" wandelte er Anfang 2008 erfolgreich in eine AG um. Im Connectionhaus veranstaltet er Jahrestrainings unter dem Motto: "Kreativität, Kommunikation und Inszenierung". Mit seiner offenen, ehrlichen und humorvollen Art zu kommunizieren, schenkte er uns ein wunderbares Theaterstück (Zauberkraft der Sprache) und zahlreiche Bücher, die uns Leser in eine spannende Welt der Spiritualität entführen. Sein neuestes Buch: "Das kleine Lexikon esoterischer Irrtümer" erscheint im August 2008 im Gütersloher Verlagshaus.



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