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Zitat des Tages
Bernhard de Bovier
Immer vorwärts, nie zurück, frischer Mut bringt neues Glück. Ich wünsche dir ein frohes Leben, Gesundheit und das rechte Streben nach allem Schönen auf der Welt. Ich denk, dass dir mein Spruch gefällt.


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Mensch, werde wesentlich



Heimat & Fremde: Ein Nest bauen in der offenen Weite
Aufbruch und Heimkehr auf dem spirituellen Weg
Heimat ist, womit wir identifiziert sind und uns wohlfühlen. So ist unsere Lebensreise eine Geschichte von Aufbruch und Heimkehr, und auch die spirituellen Beheimatungen darin sind bindende und eventuell zu überwindende
»Vielleicht sollte man sich doch ein wenig ernster nehmen und in dem wackeligen Weltgebäude, als ob alles in Ordnung sei, eine lauschige Dreizimmerwohnung einrichten«
Erich Kästner
Heimat ist nicht nur ein geografischer Begriff. Und ebenso wie Liebeskitsch nicht beweist, dass es Liebe nur in der Welt der Fantasie gibt, so besagt die Existenz von Heimatkitsch nicht, dass unsere Suche nach Heimat die Suche von Unreifen, Sehnsüchtigen wäre. Für jeden Menschen gibt es Heimat und das Gefühl zuhause zu sein, geborgen, da wo er ist. Wenn wir das nicht haben, suchen wir danach. Wir sind bereit, dafür sogar Besitz, Familie und gesellschaftliche Anerkennung herzugeben, nur, um Heimat zu finden. Manchmal allerdings scheint es uns so, als hätten wir zu viel davon, dann brechen wir auf aus der Enge einer zu sehr behüteten Heimat und ziehen in die Fremde. So bestimmt das Verhältnis zu den Heimaten, in denen wir leben, nach denen wir uns sehnen oder aus denen wir aufbrechen wollen, unser Leben in hohem Maße. Man könnte das eigene Leben geradezu im Hinblick auf die Heimatbezüge beschreiben, unsere Heldenreisen als Heimatflüchtlinge, Vertriebene und Heimkehrer, wir würden dabei sehr viel entdecken.
Pabbajja
Ich selbst bin immer wieder aufgebrochen aus Heimaten, die mir zu eng waren, und immer wieder trieben mich Sehnsüchte nach neuen Heimaten, mich dort einzurichten. Aufbrechen und sich niederlassen, die Spannung zwischen diesen beiden Polen kennzeichnet mein Leben seit meine eigene Entscheidungen darin eine große Rolle spielen. Als ich nach Jahren des Reisens fern meiner geografischen Heimat im Alter von 23 Jahren in Thailand mich – schließlich, so empfand ich es – in den buddhistischen Weg initiieren ließ, nannten meine Initiatoren diese Zeremonie »Pabbajja – Hinausgehen in die Heimatlosigkeit«. Das ist also die spirituelle Initiation, dachte ich. Dieses Hinausgehen in die offene Weite, in die Heimatlosigkeit. Dort leben, unbehaust sein, unabhängig, frei!
Polarität
Erst viel später wurde mir klar, dass diese Unbehaustheit einen Gegenpol hat, der auf uns – auch auf uns spirituelle Initianten – einen ebenso starken Sog ausübt: die Behausung. Jede Ungebundenheit hat einen Gegenpol: die Bindung. Auch das Leben als moderner Weltbürger, Berufs- und Beziehungsnomade, hat Gegenpole: das können geografischen Heimaten sein, Sprachen, sogar Dialekte und Jargons, noch häufiger sind es Beziehungen, freundschaftliche Bindungen – an Menschen. Auch anderes, vor allem aber an Menschen. Wie sehr Beziehungen als Heimat unsere Aufmerksamkeit und Würdigung brauchen, hat der amerikanische Psychotherapeut John Welwood im Interview mit der buddhistischen Zeitschrift Tricycle sehr überzeugend dargelegt (Connection spirit Nov. 11). Vor allem für die Fans der Leere und offenen Weite ist das ein großes Thema.
Heimat ist das Gefühl geborgen zu sein in einer Umgebung, einem Umfeld. Für den nach innen blickenden Menschen ist Heimat mehr die Summe der gewachsenen oder gewählten Identitäten, seine Beziehungen, in denen er sich wohlfühlt oder auch nicht (mehr) wohl fühlt. Das Hinausgehen in die offene Weite hat immer ein Heimkommen zur Folge, wir sind ja nie ohne Umfeld und auch nicht ohne zugewiesene oder gewählte Identität. Draußen, in der Obdachlosigkeit, im Niemandsland der Nichtidentifikation, kann man nicht verweilen. Die es versuchen, die schaffen sich virtuelle Identitäten, also doch wieder Heimaten, oft geschieht das unbewusst. Wenn sie sich dieser neuen Identitäten jedoch bewusst sind, gehören sie zu der seltenen Spezies derer, die wirklich drüben angekommen sind – jenseits des uralten Konfliktes zwischen den Diesseitigen, Weltlichen und den Jenseitigen, Religiösen. Als weit gereiste und gereifte »Erwachsene« wissen sie dann mehr als die nie Aufgebrochenen, nie Entkommenen: Sie wissen um die Relativität ihrer Beheimatung.
Der Urschock
Zu Beginn unseres Lebens ist Heimat für uns etwas sehr Körperliches: Wir kommen aus dem Bauch unserer Mutter. Dort in der Wärme, im Wasser, in der Dunkelheit ist unsere erste Heimat. Diese Urheimat gibt, wie alle ersten Erfahrungen, das Urbild ab, mit dem sich alle weiteren Heimaten vergleichen lassen müssen. Auch später noch vermittelt körperwarmes Wasser uns ein Gefühl von Geborgenheit: In der Badewanne reinigen wir uns nicht nur, vor allem ruhen wir dort aus und kehren nach unseren diversen Ausflügen in die kalte, fordernde Welt zurück zu uns selbst. Das ist auch das Geheimnis der Warmwasssertherapien: Dort, im körperwarmen Wasser sind wir wieder in der Umgebung unserer ersten Heimat, in der maximalen Geborgenheit, die ein Mensch erfahren kann.
Allerdings hat nicht nur das Wohlgefühl, das wir dort einst erlebten, sondern auch der Aufbruch aus dieser Urheimat seine Spuren in uns hinterlassen: Es war eng, die Wehen der Mutter drückten uns raus. Ob wir wollten oder nicht, um raus zu kommen, mussten wir da durch. Das tat weh, und vielleicht überfiel uns dort auch schon unsere erste Todesangst. Draußen war da plötzlich Kälte, Luft (statt dem gewohnten Wasser) und der Zwang zum Atmen (die Lunge tat weh), und die Umgebung hielt uns nicht mehr umfangen, so wie vorher der Mutterbauch. Viele Therapien (Primär, holotropes Atmen, Rebirthing) befassen sich mit der Heilung dieses Urschocks unserer Biografie, diesem Hinauswurf aus unserer ersten Heimat.
Sex
Als Kinder vergessen wir, dass wir da mal drin waren. Trotzdem bedeuten Umarmungen und Körperkontakt für uns Kinder und Erwachsene immer noch Heimat, und auch das, was wir bei der Mama zu essen bekamen, bleibt ein Leben lang Inbegriff für Heimat, sogar der Tonfall und Dialekt, den wir damals hörten. Noch tiefer zurück in die Urheimat weisen erst die Sehnsüchte, die mit der Pubertät aufkommen: Die werdenden Männer wollen dann mit ihrem empfindlichsten Körperteil dort hin, wo sie als ganzer Mensch einst herkamen, und die Mädchen wollen mit dem Körperteil, durch den sie einst ihre eigene Urheimat verlassen mussten, einem anderen Menschen Heimat bieten.
Heimatvertriebene sind wir als Geborene allemal. Aber wir wollen diesen Ausbruch in die Heimatlosigkeit ja auch, nicht erst als buddhistische Initianten, sondern schon angefangen vom Strampeln im Mutterbauch über das Ziehen am Gängelband der Eltern, bis hin zur Diskussion der 15jährigen, bis wie lange sie abends in der Disco bleiben darf.
Die Utopie des totalen Ausbruchs
Als ich 22 Jahre alt war, wollte ich den totalen Ausbruch aus allen Heimaten und Gehäusen, ich empfand sie alle als einengend: Deutschland, meine Muttersprache, meine soziale Herkunft (das Bildungsbürgertum), das christliche Abendland, sogar vom postchristlichen, postkolonialen Europa hatte ich randvoll genug. Ich wollte weg, weg, weg, so weit wie möglich. Wollte im Dschungel von Borneo verschwinden und kehrte nur zaghaft von dort zurück. Wollte dann in der Lehre des Buddha verschwinden und kehrte auch von dort zurück. Kehrte immer wieder zurück, denn es waren alles nur weitere Gehäuse. Neue, andere, und doch immer noch Gehäuse, ich aber wollte unter dem freien Himmel schlafen.
Geht ein Leben ohne Gehäuse, ein Verweilen in der Heimatlosigkeit? Heute meine ich, dass eine Verankerung in der offenen Weite, der Leere, dem Ganzen, dem Gottbezug, der Religiosität (das sind für mich alles Synomyme) möglich ist und allem Weltlichen gut tut. Wir können dort aber nicht unsere Zelte aufschlagen, wir können dort nicht verweilen. Die Gehäuse, die wir uns dort bauen, sind künstlich. Die Niederlassungen, die wir uns in der Anderswelt, drüben in Transistan, im »Reich Gottes« zu errichten suchen, sind wie die Immobilien, die die Avatare in Second Life sich errichten, es sind Fiktionen.
Das böse Ego
Das Problem der Spiris mit ihrem Ego, auf das sie so gerne einprügeln oder sich moralisch darüber erheben (in sich selbst und in anderen), ist auch eines der Heimatlosigkeit. Wir können das Ego in seiner Künstlichkeit und Substanzlosigkeit durchschauen, aber wir können es so wenig vernichten wie unseren Schatten. Wir können nicht ohne persönliche Identität leben und sollten das auch nicht versuchen. Wir brauchen die persönliche Identität so sehr wie wir eine Heimat brauchen und in irgendeiner Hinsicht immer eine haben, denn unsere Gewohnheiten und alle anderen Spezifika, die wir haben oder gerne hätten (auch unsere Sehnsüchte gehören zu uns), das ist unsere Heimat. In der Verbannung oder im Exil fühlen wir uns immer dann, wenn die Identität, die uns zugewiesen wird, nicht die ist, mit der wir uns wohl fühlen. Ödon von Horvaths »Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu« ist die Klage eines Heimatvertriebenen, der so gerne ein anderer wäre, ein Authentischer, ein Beheimateter – einer, der sich so zeigt, wie er ist, und so wie er ist, so will er sein.
Migration
Dieses zentrale Problem der Spiris und überhaupt aller Religiösen und Himmelsstreber ist übrigens auch ein zentrales Problem der heutigen globalen Politik. Migranten gibt es vor allem deshalb, weil es reiche und arme Länder gibt und die Bewohner der armen in die reichen Länder streben und dort befremdet werden, sich dort beheimaten oder dort ihre Wurzelheimat, die Region und Kultur, aus der sie stammen, vermissen. Das Werden eines Menschen ist immer auch die Geschichte seiner Heimatfluchten, oder -vertreibungen und seiner neuen Beheimatungen. Dieser Wandel in dem, womit wir uns identifzieren und worin wir uns geborgen fühlen, ist ein wichtiger Teil unserer Heldenreise. Insofern hat jeder von uns »Migrationshintergrund« – hoffentlich. Wir sind Wandernde auf einer Reise, mit sich wandelnden Identitäten, vor dem Hintergrund wechselnder Umgebungen, die immer auch selbst in Bewegung sind.
»Bist du« Bayern?
Dabei ist die Identifizierung (oder die Verweigerung einer solchen) manchmal lächerlich einfach und aus der Distanz betrachtet urkomisch. Ich bin als Sechsjähriger mit meinen Eltern von Schwaben nach Bayern eingewandert, nach München. Dort wurde ich von den Jungs (den »Buam«) auf der Straße gefragt: »Bist du Bayern oder 60er«. Sie meinten: Bist du Anhänger des Fußballclub FC Bayern oder Anhänger von 1860 München? »Bin ich« das? Ich wollte mich keiner dieser beiden Parteien zuordnen lassen, wodurch ich für die Fans zu einem Niemand wurde. Sie »waren« Bayern oder 60er, ich war niemand. Ganz sicher hätte es meine Beheimatung in Bayern erleichtert, wenn »zum 60er« oder »zum Bayern« geworden wäre. Wen wundert's, dass der frühe Identitätsverweigerer dann als Erwachsener auf die Suche nach sich selbst gehen musste, er wollte ja nicht einmal der Fangemeinde eines Fußballclubs angehören!
Er oder ich
Und auch das ist merkwürdig: Dass ein Mann auf die Frage, wo er sein Auto geparkt hat, sagt: »Ich stehe dort gleich ums Eck«. Wenn ihm aber die Erektion versagt, dann steht »er« nicht. Offensichtlich identifiziert sich ein Mann mehr mit seinem Auto als mit seinem Geschlechtsteil. Kann das Folgen haben für sein Sexualleben? Mir naheliegender ist es, wenn die in Frankreich geborene Künstlerin Niki St. Phalle für eine Kunstausstellung (ich glaube, es war die Dokumenta in Kassel) einen riesigen weiblichen Körper gestaltet, in den die Besucher durch das Tor der Vulva in ihre alte Heimat zurückkehren konnten, Männer wie Frauen.
Sex haben heißt für mich nicht, dass ich »ihn« dir reinstecke, sondern dass »ich« zu dir reinkomme, in den intimsten Teil deines Körpers, der eben auch Symbol ist für meine alte Heimat. Ist das ein spiritueller Vorgang? Eine Re-ligio (Rückverbindung)? Das indische Wort »Ashram« heißt immerhin übersetzt »Herberge«. Wer die körperliche Beherbergung in einer Frau nicht schätzt – es ist ja immer nur für kurz, leider – sucht die Herberge vielleicht in einem Ashram. Zuhause, geborgen, beheimat sein aber wollen wir alle.
Geborgenheit
Der moderne Single schätzt die Freiheit. Was er in all seiner Freiheit aber oft vermisst, ist die Geborgenheit in Bindungen, Beziehungen, in Gehäusen, die ihn beheimaten. Welche davon aber sind keine Gefängnisse? Da bleibt wohl nur die Beheimatung im Ganzen, in der er sich (mit Bonhoeffers Worten) »Von guten Mächten wunderbar geborgen« fühlt und dann »getrost erwarten kann, was kommen mag«. Das ist die mystische Geborgenheit, die Beheimatung im Universum als Ganzes.
Die Weltbürger, die sich bei Mutter Erde (pachamama) beheimatet fühlen, sind schon sehr nah dran an dieser Ganzheit. Für sie mag sich das Universum noch kalt und lebensfeindlich anfühlen gegenüber der kuscheligen Erde, die uns als genau für uns gemacht erscheint (– obwohl es doch umgekehrt ist: Wir sind auf ihr die geworden, die wir heute sind). Immerhin sind in diesem Bild des Erdenbürgers die nationalen, ethnischen und rassischen Grenzen aufgehoben und die zwischen reich und arm, die uns Menschen üblicherweise so sehr trennen und unsere diversen Heimaten als einander fremde gegenüberstellen. Sogar die Pflanzen und Tiere gehören in diesem Bild der Erdheimat mit dazu – die »Natur« – wir wollen sie schützen, sie sind ein Teil von unserer Heimat.
Mystik
Damit die aus Sicht des Universums als kleinlich erscheinenden Konflikte zwischen den Insassen des Raumschiffs Erde lösbar sind, haben sich weitsichtige Politiker schon des öfteren einen eventuell fiktiv zu erzeugenden »Angriff aus dem All« vorgestellt. Denn Einheit entsteht in einem Kollektiv am leichtesten immer dann, wenn es angegriffen wird. Die Geborgenheit des Mystikers im Weltganzen ist allerdings eine noch größere. Sie braucht keinen Angriff, um sich beheimatet und als ungeteilt zu empfinden.
Der Meditierende (Mystik praktizierende) fühlt sich umhüllt von seiner Umgebung wie die Frucht in ihrer Schale, das Kind im Mutterleib, der Lingam in der Yoni – er ist drin, zuhause, ganz bei sich. Das ist die maximale Beheimatung, die uns Menschen möglich ist. Die Verschmelzung der Gegensätze, die Einheit, aus der jedoch jederzeit wieder neue Teilungen entstehen können. Die Einheit gebiert ständig neue Teilungen, neue Heimaten, die einander wieder als mehr oder weniger fremd, mehr oder weniger willkommend oder gastfreundlich gegenübertreten. Diese Heimaten sind Gehäuse, die ihre Bewohner wieder als sich separat wähnende Wesen durch die Welt tragen können.
Heimat ist relativ
Falls sie sich an ihre Herkunft erinnern, wissen die Bewohner dieser Gehäuse jedoch: Wir sind aus der Einheit entstanden, wir kehren unvermeidlich wieder dorthin zurück – »Sterben« nennt man diesen Vorgang. Wir – als Helden weit gereiste – Bewohner dieser Gehäuse wissen, dass unsere Heimat eine erschaffene ist, eine historisch bedingte, künstliche, relative, von so Vielem abhängige. Würden doch alle Bewohner der Nationen, alle vermeintlich einem Volk, einer Religion, Ethnie oder Kultur Zugehörigen wissen, dass diese Heimaten erschaffene sind, historisch bedingte! Wüssten sie, dass ihr Gefühl der Zugehörigkeit ein bedingtes ist, das sich jederzeit ändern kann, dann gäbe es keine Kriege mehr, und die politischen Konflikte wären friedlich lösbar.
Grenzlandbewohner
Interessant finde ich in der Hinsicht die Zugehörigkeitsgefühle der Bewohner von Grenzregionen. Manchmal verhärtet sich ihre Identität (die heutigen jüdischen Siedler im Westjordanland; die amerikanischen Siedler von einst auf dem Weg nach Westen, die ein Gefühl der Verwandtschaft mit den Indianern vermissen ließen). Manchmal weicht sie auf (die Oberschlesier damals im Grenzland zu Polen; viele zweisprachige Südtiroler). Genau betrachtet sind wir alle Grenzlandbewohner: Unsere sexuelle Identität, unsere sprachliche und religiöse, je genauer wir dort hinschauen, umso diffuser werden die Grenzen dieser Heimaten. Bin ich »ein richtiger Mann«, »ein guter Deutscher«? Bin ich ein echter, oder nur ein Plastik-Schamane? Der Blödelspruch »Überall sind wir Ausländer – bis auf ein Land« bringt es auf den Punkt: Überall sind wir Fremde, außer da, wo wir uns gerade beheimatet fühlen. Heimat ist relativ.
Verbannung
Und das Thema ist nicht neu: »Verbannung« wurde in den Kulturen der Antike als eine der härtesten Strafen empfunden. Die von Athen oder Rom in die Provinz verbannten Dichter litten dort sehr an Heimweh (unter ihnen war auch Ovid, der Dichter der ars amatoria). Allerdings wird heute, in Zeiten der Tendenz zum Weltbürgertum, das Exil meist nicht mehr als so hart empfunden. Zumal ein Exil mit Internetanschluss kaum mehr als richtiges Exil bezeichnet werden kann, denn über das Internet kann jeder mit seiner Heimatkultur und Freunden Kontakt halten. Eine »Diaspora« von Exilanten gibt heute fast nur noch in Bezug auf Länder mit einem stark zensierenden oder totalitären Regime (wie etwa Iran oder Nordkorea).
Wahlverwandschaften
Auch Goethe kannte das Thema der Suche nach Heimat, er hat es unter anderem in dem von ihm popularisierten Begriff der »Wahlverwandtschaften« aufgefangen (sein Roman, der diesen Titel trägt, führt das Thema allerdings in der hier besprochenen Weise nicht aus). Unsere Verwandten, das ist zunächst die Herkunftsfamilie, unsere Urheimat. Diese Art der Verwandten können wir nicht selbst bestimmen. Dann aber als Erwachsene, können wir uns ein Umfeld von »Wahlverwandten« erschaffen, die uns – hoffentlich – eine wunschgemäßere Heimat sind. Das sind die Menschen, die wir uns auswählen, um mit ihnen zusammen zu sein. Sprache und Landschaft können Heimat sein, auch ein Beruf oder eine Branche, in der man tätig ist, ein Hobby, eine Sportart, ein Interessengebiet, am meisten aber sind Menschen für uns Heimat: unsere Beziehungen und Freundschaften und die Szenen, in denen wir leben (Facebook gibt an, dass die User dort im Durchschnitt 130 Freunde haben – ist also überschaubar, diese Heimat).
Achtsamkeit
Der Schlüssel zum Ausstieg aus diesseitigen wie jenseitigen Gefangenschaften, aus dem »sprituellen Materialismus« (Tschögyam Trungpa) ebenso wie dem profanen Pendeln zwischen Angst und Gier, ist Achtsamkeit. Achtsam uns selbst beobachtend erkennen wir, dass Aufmerksamkeit lenkbar ist. Sie kann nach außen und nach innen gelenkt werden. Nach innen gelenkt entdeckt sie, womit wir uns identifizieren, woran wir hängen. Und sie ist selbst ein Mittel der Identifizierung, der Bildung von Anhänglichkeit, von Heimat: Wohin wir unsere Aufmerksamkeit wiederholt lenken, dort bildet sich ein Heimatgefühl, eine Lust zu verweilen und schließlich Identität. Die Energie ist, wo die Aufmerksamkeit ist, sagt die hawaiianische Huna-Lehre. Dort, wo unsere Aufmerksamkeit hingeht, nisten wir uns ein, und wo unser Nest ist, dort ist unsere Heimat.
Auch für uns spirituelle Aussteiger aus allen Identitäten gilt: Wir dürfen ein Nest haben, wir dürfen beheimatet sein. Wir sollten uns allerdings dessen gewahr sein, dass jede Heimat relativ ist. Auch unser gewähltes Nest müssen wir irgendwann wieder verlassen. Und es muss ja auch nicht ein Fußballclub sein, wohin ich mich kuschle, es gibt noch andere Gruppen in der Welt, denen ich mich anschließen und zugehörig fühlen kann. Bei der Wahl einer solchen darf auch die Ethik eine Rolle spielen: Lasst uns beheimat sein in Nestern für eine bessere Welt!
Wolf Schneider, Jg. 1952, Studium der Lebenskunst seitdem. Hrsg. der Zeitschrift connection seit 1985. Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.schreibkunst.com.
 
 




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Wolf Schneider

Wolf Schneider, Jahrgang 1952, studierte Naturwissenschaften und Philosophie in München. Schon während seines Studiums begab er sich auf Reisen. Die nächsten Jahre verbrachte er in Europa und Südasien, wo er ab 1976 als buddhistischer Mönch in Thailand lebte und von 1977-1990 Schüler von Osho war. Zurück in München gründete er 1985 die Zeitschrift connection, die noch heute als connection Spirit mit der Sonderheftreihe connection Special erscheint. Seinen 2005 gegründeten Verlag mit integrierter "Schule der Kommunikation" wandelte er Anfang 2008 erfolgreich in eine AG um. Im Connectionhaus veranstaltet er Jahrestrainings unter dem Motto: "Kreativität, Kommunikation und Inszenierung". Mit seiner offenen, ehrlichen und humorvollen Art zu kommunizieren, schenkte er uns ein wunderbares Theaterstück (Zauberkraft der Sprache) und zahlreiche Bücher, die uns Leser in eine spannende Welt der Spiritualität entführen. Sein neuestes Buch: "Das kleine Lexikon esoterischer Irrtümer" erscheint im August 2008 im Gütersloher Verlagshaus.



Zusätzliche Informationen:
» www.wolf-schneider.info

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