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Mensch, werde wesentlich



Spirituelle Arroganz - Jenseits der Hybris
Jenseits der Hybris
Es gibt etwas Besseres als Unterwürfigkeit oder Arroganz: Selbstherrlichkeit


Die Fähigkeit des Menschen, sich selbst falsch einzuschätzen ist uralt. Wer es dabei schafft, eine Zielgruppe von sich zu überzeugen, ist damit oft noch schlimmer dran, denn dann bleibt solch ein Irrtum länger haften. Was tun? Lerne zu unterscheiden, probiere aus, verstehe: Eine flexible Selbstherrlichkeit ist besser als eine starre Arroganz

»Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir einer Sache nicht gewachsen sind. Unsere tiefste Angst ist, dass wir unermesslich mächtig sind. Es ist unser Licht, das wir fürchten, nicht unsere Dunkelheit. Wir fragen uns: Wer bin ich eigentlich, dass ich leuchtend, hinreißend, begnadet und fantastisch sein darf?
Aber wer bist du denn, dass du das nicht sein darfst? Du bist ein Kind Gottes. Dich klein zu verhalten, dient der Welt nicht. Es zeugt nicht von Erleuchtung, wenn du dich zurücknimmst, damit sich andere in deiner Gegenwart nicht unsicher fühlen. Wir wurden geboren, um die Größe Gottes zu leben, die in uns liegt.
Sie liegt nicht nur in einigen von uns, sondern in jedem. Indem wir unser Licht leuchten lassen, ermutigen wir andere, dasselbe zu tun. Sobald wir von unserer Angst befreit werden, befreit unsere Gegenwart andere.«
Marianne Williamson

Wir seien »unermesslich mächtig« schrieb Marianne Williamson in dem Zitat, dass Nelson Mandela 1994 bei seiner Antrittsrede als Präsident des neuen, nun nicht mehr rassistischen Südafrika vorlas, nachdem er für seine Überzeugungen 27 Jahre im Gefängnis gesessen war. Wir seien »geboren, um die Größe Gottes zu leben«. Genau das sei es, wovor wir Angst hätten, viel mehr als davor, klein und unbedeutend zu sein. Da läuft einem ein Schauer den Rücken runter, das kribbelt bis in die Fingerspitzen, da fühlt man sich verstanden und ermutigt, zur eigenen, wahren Größe zu stehen

Der Hybris folgt die Nemesis

Andererseits – ist es nicht genau dieser Größenwahn, wir seien »unermesslich mächtig«, der uns auf dem Flug zur Sonne abstürzen lässt wie Ikarus in jenem alten griechischen Mythos? Seine Flügel waren aus Wachs; als er der Sonne zu nahe kam, wurden sie weich, und er stürzte ins Meer. Die Götter lassen es eben nicht zu, dass man sich ihnen zu sehr nähert. Der Hybris folgt die Nemesis. Diese »Wahrheit« (Ist es denn eine?) durchzieht die Mythen vieler Völker. Überall wird Bescheidenheit und Demut gefordert. Bei den antiken Kulturen galt die Mäßigung sogar als höchste aller Tugenden, und bei den theistischen Religionen äußert sich die Warnung vor dem Größenwahn bis heute im Tabu der Blasphemie: Wer beansprucht zu sein wie Gott, wird auch heute noch, zum Beispiel in Pakistan, nach geltendem Gesetz mit dem Tod bestraft – von weltlichen Institutionen. Wenn nicht schon »Gott selbst« das Strafen übernahm, indem er den Frevelnden verunglücken oder sich vor Reue zermürben ließ.

»Ich bin die Wahrheit«
Einsicht in das, was ich mir zutrauen kann und was nicht, ist sicherlich in allen Lebensbereichen wertvoll und ein Zeichen von Intelligenz. In einem Bereich aber ist diese Einsicht besonders wertvoll und ihre Abwesenheit besonders unheilvoll: im Bereich des Religiösen, Spirituellen. Wenn ich mich und meine Fähigkeit dort falsch einschätze, hat das besonders üble Folgen, nicht nur für mich selbst, sondern auch für andere, die mich sehen, erleben und etwa an mich glauben. Wenn ich mich für eine Reinkarnation von Jesus halte, für den Messias und Erlöser unserer Zeit, für erleuchtet wie Buddha, für einen Boddhisattva, Tulku oder Sadhu, für einen von den Geistern auserwählten Schamanen oder aus einer anderen Welt gesandten Alien, dann gibt es da ein Problem. Mit denen, die mir das nicht abnehmen sowieso. Falls ich mich mit dieser Selbsteinschätzung irre, aber auch mit noch ganz anderen Kräften.
Deshalb nimmt es nicht wunder, dass einige Kulturen für den Fall dieser besonderen Art von Selbstüberschätzung sich auch besondere Maßnahmen im Umgang damit ausgedacht haben. Im Krankenhaus von Jerusalem sind die Psychiater auf dem Umgang mit dem »Messias-Syndrom« vorbereitet. Das, und der Spott, der diesen Messiasen entgegenschlägt, sind noch die milderen Arten des Umgangs damit. Das Blasphemie-Gesetz in Pakistan gehört schon zu den härteren Varianten. Es verbietet die »Beleidigung der Religion« und sieht insbesondere für die Beleidigung des Namens Mohammeds die Todesstrafe vor. Das erinnert an dem Umgang mit Al Hallaj damals in Bagdad: Als er sagte »Ich bin die Wahrheit«, wurde er öffentlich gevierteilt (922 nuZ). So wie einst die christliche Inquisition mit Ketzern umging (viele von ihnen waren Mystiker wie Al Hallaj), so gelten auch heute noch in einigen islamischen Gesellschaften diese Frevler als todeswürdig – wenn sie nicht rechtmäßig verurteilt werden, holen fanatisierte Massen das durch Lynchjustiz nach.

Idolatrie
Ebenso wie nach dem Sprengen der Budhhas im Tal von Bamiyan durch die Taliban im März 2001 in Afghanistan, lässt sich auch auf den Umgang mit dem Vorwurf der Gotteslästerung im heutigen Pakistan leicht mit dem Finger zeigen: Extremisten tun das, oder fanatisierte Massen in ihrem religiösen Wahn. Stimmt. Und doch hat, wie vielleicht jede Verrücktheit, auch diese einen wahren, sinnvollen Kern. Mit der Sprengung in Bamiyan wollten diese durchaus religiösen Menschen gegen die Idolatrie vorgehen, die Bilderverehrung. Gott findet man in keinem Bild und in keiner Statue – wie wahr! Diese Bilderzerstörung verkennt jedoch erstens, dass Buddhisten in einer Buddhastatue keinen Gott sehen, und zweitens, dass auch die Verehrung des Korans (das ist doch nur ein Buch, liebe Leute!) eine Art von Idolatrie ist. Die Idolatrie im eigenen Auge aber sieht man nicht. Und die Kritiker der Bamiyansprengung im Westen sehen nicht, wie sehr bei ihnen der einstige religiöse Kult durch den Kult von Waren ersetzt wurde – oder von »Gurus« im Management, die Verehrung von Kunstgegenständen, die wie Reliquien behandelt werden, etcetera.
Und was die Blasphemie angeht: Auch wenn in Europa Gotteslästerungen gottseidank (!) nur noch als folkloristisch interessant gelten (»himmiherrgotsakramentnochamoi« oder »porco dio« als UNESCO-Kulturerbe?), haben wir, was den Größenwahn anbelangt, auch ein paar Balken im eigenen Auge.

Nationale Hybris
Da ist zum einen der nationale Größenwahn. Zum Beispiel Hitlers Rassismus und der des Volkes, das ihn dabei mehrheitlich unterstützte; die Ideologie des »Volk ohne Raum«, die zum Überfall auf die Sowjetunion führte. Keine Nation ist gegen Größenwahn gefeit, die Deutschen haben ihn nur »hervorragend« exzessiv betrieben. Abdi Assadi nennt im Interview (connection Juni 11) den Größenwahn der USA, der zu den Kriegen unter anderem in Vietnam, Afghanistan und dem Irak geführt hat, und schon viel früher zur weitgehenden Auslöschung der Indianer auf den eroberten Gebieten. Von den Stammeskriegen der Frühzeit bis zu den Weltkriegen des vorigen Jahrhunderts waren fast alle Kriege von Größenwahn geschürt, wenn nicht verursacht. Und auch Alexander »der Große« wird heute noch so genannt, obwohl das, was an ihm groß war, das war vor allem sein Wahn, Asien beherrschen und ein Weltreich zusammen halten zu können.

Zivilisatorische Hybris
Zum anderen ist da der Wahn der menschlichen Zivilisation, die Natur beherrschen zu können. Wenn eine Kultur in ihrer Heiligen Schrift Worte stehen hat wie: »Seid fruchtbar und mehret euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan«, dann ist diesem Größen- und Kontrollwahn nachhaltig Vorschub geleistet – und die Nemesis der Naturkräfte muss unvermeidlich folgen. Die Entdeckung der Atomkernspaltung ist eine geniale Leistung des menschlichen Geistes, aber der Glaube, dass dieser Geist auch imstande sein wird, die Gefahren zu kontrollieren, die aus dieser Entdeckung resultieren, ist Größenwahn. Und das gilt auch für Bereiche wie die Gentechnik oder etwa die technische Kontrolle des Klimas, das als Folge der menschlichen Zivilisation sehr eigenwillig zu reagieren beginnt. Deepwater Horizon und Fukushima sind zwei Beispiele, die uns zeigen sollten, dass wir es weit genug getrieben haben mit unserem Größenwahn, bei der Ausbeutung der Atomkraft und der Tiefsee die Gefahren im Griff zu haben. Wir haben ja nicht einmal unsere eigene Psyche im Griff: George W. Bush hatte sie nicht im Griff bei seinen Aktionen gegen »die Achse des Bösen«, Muammar Gaddafi ist in der Hinsicht noch schlechter dran, und auch die anderen Herrscher und Beherrschten sind nicht so, dass man gerne geneigt ist, unsere Spezies (homo) sapiens (weise) zu nennen. Was, wenn China als nächstes von einem Potentaten vom Schlage Gaddafis regiert wird? Was, wenn nach Obama einer von der Tea Party ans Ruder kommt?

Ein bisschen weiter sein...
Und nun zu denen, die sich auf den Weg gemacht haben, Weisheit zu erlangen. Da zähle ich auch mich selbst dazu. Wie weit sind wir auf diesem anspruchsvollen Weg denn gelangt? Wir auf den spirituellen Wegen, die da Innenschau, Meditation und egotranszendierende Übungen praktizieren seit Jahrzehnten, wie sieht es mit unserer Hybris aus?
Meiner Erfahrung nach, der ich nun seit über 30 Jahren mich vor allem unter Menschen bewege, die sich auf dem spirituellen Weg befinden (oder wähnen), mit ihnen zusammen lebe, arbeite und ihre Nöte und Erfolge in meiner Zeitschrift beschreibe, meine, dass das normale Ego, das sich Reichtum und Erfolg wünscht, für diese Menschen viel weniger wichtig geworden ist. Auch die Ellbogen werden seltener eingesetzt, um Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Man glaubt viel weniger an die Unvergänglichkeit, an die Festigkeit des eigenen Ich und die der anderen Egos. Man weiß, dass Materie nur ein Begriff ist und der Geist stark. So weit, so gut. Was jedoch den Größenwahn anbelangt, gibt es hier eine neue, scheinbar edlere Art des Größenwahns: den Glauben, dass ich schon ein bisschen weiter bin als du.

Der spirituelle Wahn

Man könnte ihn den »spirituellen Wahn« nennen oder die spirituelle Arroganz. In seinem Buch von 1973 »Cutting through Spiritual Materialism« bezeichnete Tschögyam Trungpa diese Krankheit als »Spirituellen Materialismus« – Materialismus in neuem, nun spirituellem Gewand. Aber auch die Meister der früheren Jahrhunderte und Jahrtausende kannten diese Krankheit. Sie mag ein Hauptgrund dafür sein, dass die Weitergabe einer spirituellen Tradition auch heute noch oft von Meister/in zu Schüer/in geschieht, persönlich, anstatt nur durch die Weitergabe von Schriften oder Praktiken, denn vor einem Menschen, der einen gut kennt, kann man die eigene Arroganz nicht so leicht verbergen. Den Koran auswendig rezitieren zu können oder das Herzsutra in der richtigen Intonierung zu chanten, das muss noch kein Zeichen von spirituellem Fortschritt sein. Es kann auch Grundlage von spiritueller Arroganz sein: Als ein Hafiz (so heißt unter Moslems einer, der den Koran auswendig kann) bin ich eben was Besonderes. Ebenso wie einer, der den Kailash 108 Mal umrundet hat (bei Niederwerfungen im Abstand der Körperlänge genügt schon weniger).
Es funktioniert aber auch mit kleineren Brötchen: Der dritte Grad im Reiki ist eben ganz was anderes als nur der zweite – da bin ich dann nicht mehr einfach nur ein Initiierter, sondern ein Meister. So schnell zum Meister, na ja … das mag für die anderen spirituellen Richtungen aussehen wie eine besondere Art von Größenwahn, aber diese Richtungen haben ihre eigenen Statussymbole, auch wenn die meist nicht so eindeutig erkennbar sind wie die Farben der Gürtel bei den ostasiatischen Kampfkünsten.

Ego-Transzendenz

Meine erste tiefere Erfahrung spirituellen Ehrgeizes bei mir selbst erlebte ich als junger Mönch im Buddhismus Thailands. Mönch? Na, übertreib mal nicht! Du warst doch nur Samanera. Die anderen Westler neben mir im Kloster waren Bhikkhus, das ist eine Stufe weiter. Erst als Bhikkhu bekommt man einen spirituellen Namen. Mein Abt (Somdech hieß er; er gab uns die Dharmatalks) hatte mir versprochen, dass ich einen Namen bekommen würde, obwohl ich nur Samanera war, wenn ich im Dharmaunterricht schon etwas weiter wäre. Er gab mir aber nie einen Namen. Später erfuhr ich, dass das nicht etwa an meinen mangelnden Fortschritten beim Dharmaunterricht lag, sondern, dass er mich schlicht vergessen hatte. Vergessen??? Nun hatte ich zwei Möglichkeiten: mich zu schämen, dass ich als Schüler nicht weiter aufgefallen war; oder darauf stolz zu sein, dass ich in meiner Ego-Transzendenz schon so weit war, dass er mich gar nicht mehr wahrgenommen hatte. Diese zweite Option war dann doch zu verführerisch …

Stufen

Einige Monate nachdem ich das Kloster verlassen hatte und wieder auf Reisen war, hatte ich starke spirituelle Erlebnisse, noch tiefer als im Kloster. Manchmal war ich tagelang in einer süßen Trance, in der ich mich jenseits aller irdischen Gelüste wähnte. Aller? Na ja, ein paar Vorlieben hatte ich schon noch. Ich studierte die Schriften genau, um herauszufinden, welche Stufe ich erlangt hatte: Sotapanna (der in den Strom eingetretene)? Mindestens! Vielleicht auch schon Sakadagami (der Einmalwiederkehrer)? Hmmm... Für einen Sakadagami gab es zwar noch Kama-raga (Sinnenlust) wie auch Byapada (Übelwollen), aber beides, das starke Dahabenwollen wie auch das starke Weghabenwollen, waren deutlich geschwächt. Was gemäß der Schriften ein Sakadagami außerdem noch hat, ist: den Wunsch nach süßen Trancen (rupa-raga, die vier jhanas – ja, den hatte ich!), Dünkel (ja, das auch), Unruhe (ebenfalls). Erstaunlich, wie genau der Buddha diese Stufen damals beschrieben hatte, und dass sie auch heute noch, auf mich modern erzogenen Menschen, passten. Dachte ich. Oder hatte ich nur in mich hineingesehen, was ich herauslesen wollte? Später jedenfalls wandte sich mein Bedürfnis nach Selbsteinschätzung anderen Stufenmythen zu – einer davon ist in der Juni 2011 Ausgabe der „connection“ auf S. 36/37 dargestellt, die »Ten Bulls«.

Ausplaudern
Gegenüber anderen, die sich nicht »auf dem Weg« befanden, solle man nicht darüber reden, auf welcher Stufe man sich befand (oder wähnte), hatte der Buddha gesagt. Noch heute, da mir meine damalige Selbsteinschätzung und Eitelkeit beinahe erscheint wie eine Jugendsünde, empfinde ich eine gewisse Scheu dabei, darüber zu sprechen. Nicht aus Scham, sondern weil andere, die nicht selbst nach sowas streben, darin vermutlich weder meine Ernsthaftigkeit sehen noch das Komische. Die Strebenden aber werden es verstehen. Und ist nicht heute – Pessimismus hin, Optimismus her – fast jeder in der einen oder anderen Art »auf dem spirituellen Weg«? Will sagen: auf dem Weg, als Mensch zu wachsen und sich weiterzuentwickeln, reifer zu werden, feiner, bewusster, mitfühlender, und damit auch den Selbst- und Fremdeinschätzungen ausgesetzt, wie dieser: »Wie weit ich bin« auf meinem Weg?

Die Autoritätsfalle

Spirituelle Eitelkeit zeigt sich auch im Umgang mit Autoritäten. Sei es, dass man sich selbst als Autorität in spirituellen Fragen aufführt, sei es, dass man andere durch entgegengebrachte Verehrung als solche behandelt. Beides sind in ähnlicher Weise tückische Fallen, und wir alle tappen dort hinein – seit Jahrtausenden. Die meisten, die auf Gurus schimpfen und sich aufgrund dieses Widerwillens jenseits der Autoritätsfalle wähnen (in spirituellen Kreisen ist es oft die Erleuchtungsfalle), befinden sich diesseits davon. Autoritäten sind ja in so vieler Hinsicht sinnvoll, und in so vielen Bereichen, von der Kindererziehung angefangen bis in alle Bereiche, in denen Expertise notwendig ist. Solche generell abzulehnen, auch im spirituellen Bereich (»die Gurus«), ist dumm.
Gurus können nämlich wunderbar zu zweierlei nützen: Man kann sich ihnen hingeben, um dadurch mal eine Zeitlang von außerhalb des altgewohnten Ich die Welt zu betrachten. Außerdem kann man sich anhand eines Gurus auch die eigene Reaktionsbereitschaft ansehen, auf »selbsternannte« Autoritäten mit Wut oder Spott zu reagieren (falls es die »selbsternannten Gurus« sind, die einen fuchsen) sowie den eigenen Neid, dass ein Mensch hier die Chuzpe zeigt, so kompromisslos zu sich zu stehen, dass er sich selbst ernennt, anstatt so lange den Speichel einer der »ernannten« Autoritäten zu lecken, bis diese so gnädig ist, sich zu ihm herabzubeugen, um endlich ihn zu ernennen.

Auf Augenhöhe?

Wie schön, wenn wir uns endlich von den Autoritäten verabschieden können, so dass wir uns überall »auf Augenhöhe« begegnen! Die meisten Beziehungen aber sind nicht so. Insbesondere die, in denen einer von uns beiden in seiner Entwicklung »weiter« ist als der andere. Weiter? Ja, solange wir uns hier im linearen Denken befinden (typisch für den Westen), anstatt im zyklischen (typisch für das traditionelle, spirituelle Asien), gibt es ein Weiter. Da will der »weniger Weite« mehr vom anderen lernen als umgekehrt. Im staatlichen Bildungswesen ist das zwischen Lehrer und Schüler ganz normal. Ebenso zwischen Therapeut und Klient/Patient, in den Kliniken des schulmedizinischen Systems und auch im Bereich der sogenannten »alternativen« Heiler. Und ebenso in jenem mysteriösen »spirituellen« Bereich, der sich in den vergangenen Jahrzehnten bei uns als Subkultur und Alternative zum Mainstream gebildet hat.
Der Unterschied im Wissen oder in der Entwicklung zwischen den beiden Ungleichen in der Lernbeziehung hat jedoch eine typische Schwäche: Er führt zur Regression, wie Saleem Riek das in der Juni 2011 Ausgabe der „connection“ so detailliert und überzeugend schildert. Diese meist von beiden Seiten geförderte Regression vergrößert den eh schon bestehenden Statusunterschied noch: Auf der einen Seite fühlt es sich gut an, sich mal wieder sehr kindlich fühlen zu dürfen; auf der anderen, der vermeintlich oder tatsächlich überlegenen Seite, mag das Gefühl, die eigene Souveränität im Kontrast zu der im Gegenüber »noch« fehlenden besser spüren und wertschätzen zu können, der Grund sein, warum ein Guru, Therapeut oder Lehrer seine Zöglinge gerne in einem kindlichen Zustand hält.
Vermutlich profitiert auch das Expertenunwesen in unserer Gesellschaft von dieser Neigung zur Regression: Wenn die Medien einen Menschen zum Experten hochjubeln, versetzt sich der normale Nachrichtenkonsument dabei gerne in einen kindlichen Zustand und zitiert den Fachmann (seltener: die Fachfrau) als sei dieser mysteriös eingeweiht in ein elitäres Wissen. Oder man protestiert gegen »die Experten« und hält sie für eine Gemeinde eitler oder bewusst manipulativer Verschwörer – das wäre dann die pubertäre Phase im Umgang mit den Autoritäten.

Das kleine Dorf
Zurück zu mir: Früher hatte ich, wenn ich einem der aus meiner Sicht »Großen« begegnet bin, zum Beispiel bei einem Interview für meine kleine Zeitschrift, das Gefühl: Ich bin klein und unerleuchtet, ich weiß eigentlich nichts. Das hat sich geändert. Wie ein Fels, der im Lauf der Jahre von der Erosion abgetragen wurde, hat sich dieses Gefühl im Lauf der Jahre des Umgangs mit diesen Menschen und Themen abgerieben. Wenn ich nun einem der Weisen begegne, habe ich das Gefühl, auf Augenhöhe zu sprechen, etwa darüber wie »wir« »es« vermitteln können, auch ohne dabei genau sagen zu können, wer »wir« sind und was »es« überhaupt ist. Um diese neue Selbsteinschätzung für die auf der Suche nach »Großem« jetzt nicht so hoch anzusiedeln, dies zur Klärung: Ich vermute, dass Spezialisten im Fliegenfischen oder in Assyrologie ähnlich einfach und problemlos »auf Augenhöhe« miteinander sprechen können. Auch sie haben ein Recht, sich als »the chosen few« zu fühlen, nicht anders als die Bewohner eines kleinen Dorfes irgendwo auf der Welt. Denn es gilt für jedes Dorf ebenso wie für jedes Individuum: Dich und euch gibt es nur einmal auf der Welt.

Diogenes und Alexander
Berühmt ist die Geschichte der Begegnung von Diogenes mit Alexander. Als zu dem Philosophen Diogenes, der als Behausung sich mit einer Tonne begnügt habe, wie es heißt, eines Tage »der große« Alexander kam und ihn fragte, welchen Wunsch er ihm erfüllen könne, sagte Diogenes nur (so will es zumindest die Legende): »Geh mir aus der Sonne!«
Ist das arrogant? Es kommt ja nicht alle Tage ein König vorbei, auch bei so einem berühmten Philosophen nicht, und dann ein solcher König! Ich empfinde Diogenes aber nicht als arrogant, sondern als selbstherrlich.
Menschen, die aufgehört haben unterwürfig zu sein, wie das von Diogenes berichtet wird, werden von ihren Mitmenschen leicht für arrogant gehalten, denn Unterwürfigkeit ist normal. Wer begonnen hat »zu sich« zu kommen, wer nicht mehr »außer sich« ist, bei dem hört allmählich die Unterwürfigkeit auf. Solche Menschen sind noch anpassungsfähig, aber nicht mehr in allem anpassungswillig. Wenn die Ampel rot zeigt, halten auch sie an, denn diese Anpassung an die Regeln der Gesellschaft ist sinnvoll. Wenn eine Regel aber unsinnig ist, wie etwa die, eine alte Religion zu ehren, nur weil sie alt, groß und mächtig ist, und eine keimende religiöse Bewegung nur deshalb zu verdammen und »Sekte« zu nennen, weil sie (noch) klein, jung und ohnmächtig ist, diese Gepflogenheit wird ein aus den Massentrancen erwachender, selbstherrlicher Mensch nicht mitmachen – und unvermeidlich damit anecken.

Die Hybris Jesu
Auch Jesus ist angeeckt. Ein junger, vielleicht größenwahnsinniger Guru, der damals die wilde spirituelle Szene Palästinas ebenso wie die Vertreter der alten Religion seines Heimatlandes verunsicherte. War er größenwahnsinnig? Sich Sohn Gottes zu nennen, das ist schon allerhand. Das jüdische Establishment (im NT »Pharisäer« geschimpft) jedenfalls lieferte ihn der römischen Justiz aus, weil es ihn für größenwahnsinnig hielt. Wenn er wenigstens gesagte hätte »wir« seien Kinder Gottes, aber nein, »er« sei der Sohn Gottes, sagte er – ist das nicht das größenwahnsinnige Ego, die Anmaßung Gott zu sein, die Hybris par excellence? Klar, dass man solch einem Größenwahn riskiert am Kreuz zu enden – in einer Zeit, bevor die historische Forschung und die politische Aufklärung die religiösen Vorstellungen über Gott als kulturbedingte Mythen relativierte.

Viveka
Marianne Williamson, Nelson Mandela und all die anderen, die diese Botschaft weitergereicht haben: Ja, wir haben Angst vor unserer eigenen Größe! Aber eine Haaresbreite neben dieser Einsicht und dem Mut ihr gemäß zu handeln liegen auch die spirituelle Arroganz, der Größenwahn, die menschliche Hybris. Wie schaffen wir es nur, das eine vom anderen zu unterscheiden? Wie werden wir Diogenes gerecht gegenüber dem ruhmessüchtigen Kämpfer Alexander? Wie erringen wir das, was die alten indischen Schriften Viveka nannten, das Unterscheidungsvermögen?
Die Yogaschriften, die Viveka preisen, helfen uns da nicht viel weiter. Sie präzisieren zwar, dass Viveka die Fähigkeit sei, zwischen Ewigem und Vergänglichem (Nitya und Anitya) zu unterscheiden, zwischen Wirklichem und Unwirklichem (Sat und Asat) sowie zwischen Selbst und Nichtselbst (Atma und Anatma). Das erste von diesen Kriterien ist noch das beste: Wer die Geduld hat, den Größenwahn auszusitzen (bei sich selbst oder den verrückten Anderen), wird schon merken, ob es Bluff war oder echte Selbstherrlichkeit. Mit dem Wirklichen und dem Unwirklichen ist das schon schwieriger, denn genau darüber streiten wir uns ja, ob du im Wahn bist oder ich. Und auch die Unterscheidung zwischen Atma und Anatma hilft mir nicht: Der Yoga preist Atma, das Selbst als das Höchste, der Buddha die Einsicht in Anatma (das Nicht-Selbst) – wer hat Recht?

Die Kriterien

Hier sind ein paar modernere Kriterien. Erstens: Kannst du, der du so sehr von deiner Herrlichkeit überzeugt bist, über dich selbst lachen? Wenn ja: fünf Punkte für die Endauswertung. Zweitens: Hast du die Reise durchgemacht von der Normalität (die Berge sind Berge, wie man im Zen sagt) über die Zeit der religiösen Verrückung und Verzückung (da sind die Berge keine Berge mehr) bis hin zur Ernüchterung (da sind die Berge wieder Berge und die Flüsse wieder Flüsse; du reitest den Büffel heim und kehrst auf den Markt zurück): fünf Punkte. Drittens: Du erkennst und schätzt die religiöse Ergriffenheit auch in ganz anders Akkulturierten und nennst sie nicht »Aber-« oder »Ungläubige«: fünf Punkte. Viertens: Du pfeifst auf die Punkte, die dir irgendwer gibt und machst dein Ding (aber bitte ohne jemand dabei zu schaden): noch mehr Punkte!

Wolf Schneider, Jg. 1952, Studium der Lebenskunst seitdem. Hrsg. der Zeitschrift connection seit 1985. 2005 Gründung der »Schule der Kommunikation«. Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.schreibkunst.com




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Wolf Schneider

Wolf Schneider, Jahrgang 1952, studierte Naturwissenschaften und Philosophie in München. Schon während seines Studiums begab er sich auf Reisen. Die nächsten Jahre verbrachte er in Europa und Südasien, wo er ab 1976 als buddhistischer Mönch in Thailand lebte und von 1977-1990 Schüler von Osho war. Zurück in München gründete er 1985 die Zeitschrift connection, die noch heute als connection Spirit mit der Sonderheftreihe connection Special erscheint. Seinen 2005 gegründeten Verlag mit integrierter "Schule der Kommunikation" wandelte er Anfang 2008 erfolgreich in eine AG um. Im Connectionhaus veranstaltet er Jahrestrainings unter dem Motto: "Kreativität, Kommunikation und Inszenierung". Mit seiner offenen, ehrlichen und humorvollen Art zu kommunizieren, schenkte er uns ein wunderbares Theaterstück (Zauberkraft der Sprache) und zahlreiche Bücher, die uns Leser in eine spannende Welt der Spiritualität entführen. Sein neuestes Buch: "Das kleine Lexikon esoterischer Irrtümer" erscheint im August 2008 im Gütersloher Verlagshaus.



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